Die vorliegende Arbeit untersucht die Internationalen Gesundheitsvorschriften von 2005 als zentrales Instrument einer globalen Public-Health-Governance und analysiert deren Auswirkungen auf die Steuerung der Krankheitsbekämpfung in der Schweiz. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Erkenntnis, dass die vorangegangenen Sanitätsreglemente den Herausforderungen einer globalisierten Welt nicht mehr gerecht wurden, was insbesondere durch Krisen wie SARS verdeutlicht wurde. Methodisch stützt sich die Studie auf eine umfassende Analyse völkerrechtlicher Bestimmungen und nationaler Gesetzestexte sowie auf leitfadengestützte Experteninterviews mit Führungspersönlichkeiten des Bundesamtes für Gesundheit.
Die zentralen Ergebnisse zeigen, dass die neuen Vorschriften einen Paradigmenwechsel vollziehen, indem sie von einer starren Liste meldepflichtiger Krankheiten zu einem dynamischen, risikobasierten Ansatz übergehen, der gesundheitliche Notlagen von internationaler Tragweite ins Zentrum rückt. Der Weltgesundheitsorganisation kommen dabei signifikant erweiterte Kompetenzen in der Informationsbeschaffung und globalen Koordination zu. Für die Schweiz wird festgestellt, dass zwar eine solide Basis in der Krankheitsüberwachung besteht, jedoch punktueller Anpassungsbedarf bei der föderalen Koordination und den rechtlichen Grundlagen im Epidemiengesetz existiert. Als wesentliche Schlussfolgerung schlägt die Arbeit ein dreistufiges Modell für die Kompetenzverteilung zwischen Bund und Kantonen vor, um auf unterschiedliche Bedrohungslagen flexibel reagieren zu können. Die Umsetzung der Vorschriften wird in der Schweiz weniger als radikale Umwälzung, sondern vielmehr als notwendige Systemoptimierung und Flurbereinigung gewertet, welche die nationale Gesundheitspolitik nachhaltig an internationale Standards anbindet.