Wie lobbyieren Gemeinden?

Selina Sägesser (2025)

Die vorliegende Arbeit untersucht systematisch die Interessenvertretung politischer Gemeinden gegenüber der kantonalen Ebene am Beispiel des Kantons Bern. Angesichts einer Forschungslücke an der Schnittstelle von Lobbying- und Gemeindeforschung analysiert die Studie, welche Gemeinden aktiv Einfluss nehmen, welche Strategien sie dabei verfolgen und welche Faktoren über den Erfolg dieser Bemühungen entscheiden. Methodisch stützt sich die Untersuchung auf qualitative Fallstudien von vier strukturell unterschiedlichen Berner Gemeinden sowie auf semi-strukturierte Leitfadeninterviews mit Vertretungen der Exekutiven, des kantonalen Gemeindeverbandes sowie der Zielgruppen in Regierung und Verwaltung. Die Ergebnisse zeigen, dass Gemeinde-Lobbying im Kanton Bern überwiegend informell, situativ und personenzentriert erfolgt. Eine zentrale Rolle spielen dabei Doppelmandate, durch die Mitglieder von Gemeindeexekutiven zugleich im kantonalen Parlament vertreten sind. Als primäre Einflusskanäle werden Direktkontakte zu kantonalen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern sowie punktuelle Interessenkoalitionen identifiziert. Dabei erweisen sich politische Netzwerke und fachspezifische Expertise als bedeutendere Ressourcen als die reine Gemeindegrösse oder finanzielle Mittel. Der Erfolg der Interessenvertretung hängt massgeblich von einer frühzeitigen Einbindung in den politischen Prozess noch vor der parlamentarischen Phase ab. Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass kommunale Interessenvertretung oft beiläufig zum operativen Tagesgeschäft betrieben wird und schlägt vor, das Bewusstsein für diese strategische Aufgabe innerhalb der Gemeindeexekutiven zu schärfen. Die Ergebnisse tragen dazu bei, das Verständnis für die politische Rolle der Gemeinden im föderalen Mehrebenensystem zu vertiefen.